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Die WELT
Sonntag, 3. September 1995

Karrierestart mit "Dornröschen"

Von ANNETTE DAMMANN

(gekürzt)

Der erst 23jährige Hamburger Henrik Wiese übernimmt in diesem Monat die Stelle des Ersten Soloflötisten an der Bayerischen Staatsoper München. Damit ist Wiese das jüngste Mitglied des berühmten Orchesters.

„Ich habe viel Glück gehabt und eine große Chance genutzt", meint der Hamburger bescheiden. Die Querflöte spielt er seit seinem zehnten Lebensjahr. Damals kaufte er sich von seinem Taschengeld sein erstes Instrument. Mit elf Jahren erhielt Wiese Unterricht bei der Hamburger Professorin Ingrid Koch.

Schon früh steckte sich der junge Musiker hohe Ziele und erreichte sie. Während der Schulzeit wurde er mehrfach erster Bundespreisträger beim Wettbewerb „Jugend musiziert". In den letzten beiden Jahren vor dem Abitur, des er am Johanneum ablegte, studierte er bereits an der Hamburger Musikhochschule.

Nach dem Abitur ging Henrik Wiese zu Professor Paul Meisen, der 20 Jahre lang Erster Soloflötist an der Hamburgischen Staatsoper war und jetzt in München unterrichtet. Der 1971 geborene Flötist ist stolz, bei Meisen studiert zu haben: „Kein anderer Lehrer hat so viele Preisträger unter seinen Studenten wie er."

Nach nur sechs Semestem Studium, das er mit Auszeichnung abschloß, kehrte Wiese nach Hamburg zu seiner ersten Lehrerin zurück. In seiner Heimatstadt strebt er jetzt das Konzertdiplom an. Schon heute freut er sich auf das Abschlußkonzert in der großen Musikhalle: „Wenn ich den Klang des Orchesters höre, fange ich an zu strahlen."

Daß er sich gegen harte Konkurrenz durchsetzen kann, bewies Henrik Wiese auch beim diesjahrigen Deutschen Musikwettbewerb in Bonn. Dort belegte er den ersten Platz. Jetzt folgen Auffritte bei renommierten deutschen Festivals: Am Donnerstag konzertierte er bei den Ludwigsburger Schloßfestspielen. Außerdem bereitet sich Wiese auf eine CD-Aufnahme mit dem Delos-Bläserquintett und den Musikwettbewerb der ARD vor.

Am 20. September tritt der Flötist, der täglich bis zu sechs Stunden übt, seinen Dienst in der Münchner Oper mit Tschaikowskys „Dornröschen" an. Die Opernpartituren muß sich Wiese neu erarbeiten. „Ich kenne die symphonische und kammemmusikalische Literatur sehr gut. Jetzt reizt mich das Feld der Opernmusik."

Bevor sich aber der Vorhang an der Bayerischen Staatsoper fiir ihn zum ersten Mal hebt, muß der Musiker noch eine Feuerprobe bestehen: Er begleitet die weltberühmte Koloratursopranistin Edita Gruberova in der Wahnsinnsarie aus Donizettis Oper „Lucia di Lammemmoor" - eine der größten Herausforderungen für jeden Opernflötisten. Eine gemeinsame Probe wird es vor dem Konzert nicht geben. Flötist Wiese: „Für mich ist das ein Sprung ins kalte Wasser."